Texte

Rede von Viktoria Krüger
anlässlich der Eröffnung der Ausstellung

vier – berliner perspektiven
annette polzer – jutta barth – jürgen kellig – siegrid müller-holtz
3. November bis 15. Dezember 2016 – Vernissage Donnerstag, 3. November 2016, 19 Uhr

von Viktoria Krüger

Guten Abend meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde von Kunst und Kultur!

Wir haben Besuch aus Berlin und umzu, und zwar gleich 4 auf einen Streich: Jutta Barth, Siegrid Müller-Holtz, Annette Polzer und Jürgen Kellig.
Ich freue mich besonders darüber, da ich das Quartett bereits im letzten Jahr kennen- und schätzen gelernt habe, anlässlich der Ausstellung „Abstraktion/Reduktion“, die bei Inge-Rose Lippok in der Galerie LortzingArt zu sehen war.
Die 4 Künstlerinnen und Künstler haben sich sozusagen gesucht und gefunden und bilden gemeinsam die Gruppe connex_berlin.
Durch ihre unterschiedlichen Arbeitsweisen und Ausdrucksformen bieten sie ein breites künstlerisches Spektrum, wie es auch diese Ausstellung wieder beweist. Die Palette reicht von Malerei, Zeichnung, Fotografie, Collage, Assemblage bis hin zu Wandobjekten und Installationen im Raum. Die Gemeinsamkeit der Arbeiten – die oft in Form von Serien gezeigt werden – liegt in der Vorliebe für Abstraktion und Reduktion, in der Absicht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zudem spielen Licht und Schatten eine besondere Rolle, die lineare Struktur bei der Zeichnung, die sparsame Farbigkeit bei Malerei, Assemblage und Fotografie.
Auch bei dieser Ausstellung haben die Exponate Titel, die Hinweise zum Aufbau oder zum Inhalt des Dargestellten geben. Sie sind informativ, regen zum Nachdenken an, erwecken Neugier. Aber immer handelt es sich um Kommunikation, um ein Angebot an die Betrachterin/den Betrachter, sich eigene Gedanken zu machen, der eigenen Fantasie Raum zu geben.
Und noch über einen Punkt herrscht Gruppen-Einverständnis: Die Einbeziehung des jeweiligen Ausstellungsraumes.
Diese Mischung aus Gemeinsamkeiten und unterschiedlicher Vorgehensweise bei Materialwahl, Technik und Interpretation, macht die Präsentation spannend – insgesamt gesehen immer eine gegenseitige Bereicherung und Unterstützung.
Der Titel dieser Ausstellung lautet: vier – berliner perspektiven. Betrachten wir ihn uns einmal näher.
Zunächst einige wenige Beispiele zu der Zahl 4, die sich in vielen Bereichen des menschlichen Lebens wiederfindet: Sie ist gerade und eine Quadratzahl – 4 Punkte bilden auf einer Ebene ein Viereck, mit 4 Seiten – Der 4-Farben-Satz belegt, dass 4 Farben ausreichen, um eine Landkarte farblich so zu gestalten, dass an keiner Stelle gleichfarbige Flächen aneinanderstoßen – Die 4 Elemente – Die 4 Jahreszeiten – Das 4-Augen-System – das 4-Seiten-Modell – Die 4 Erzengel.

Soviel dazu, kommen wir nun zur Perspektive:
„Des Malers beste Kunst ist Perspektive“ lautet ein Zitat aus einem der Sonette von William Shakespeare. Der Begriff steht für Blickwinkel, hindurchblickende Kunst, Aussicht, Blick in die Zukunft. Allgemein bekannt ist auch der Spruch „hier öffnen sich neue, nicht geahnte Perspektiven“.
Ich denke daher, Perspektive zählt zu den Dingen, die wir uns von Kunst im Allgemeinen und im Besonderen erhoffen, und in diesem Fall soll sie uns auf eine spezielle Berliner Art und Weise vermittelt werden.
Ich möchte Ihnen nun das Quartett und die jeweiligen Arbeiten vorstellen und beginne in diesem Fall mit dem einzigen männlichen Mitglied, mit Jürgen Kellig, der hier 10 seiner Arbeiten zeigt, und zwar Zeichnungen und Malerei.
Er wurde 1953 in Berlin geboren und ließ sich zum Technischen Zeichner ausbilden. In dem Zeitraum von 1975 bis 1985 zog es ihn hinaus in die weite Welt und er reiste durch Europa, Asien, Afrika, Nord- und Mittelamerika – und sammelte Eindrücke…
Seit 1995 arbeitet Jürgen Kellig als freier Künstler in den Bereichen Zeichnung, Malerei und Fotografie, neu hinzugekommen ist die Druckgrafik.
Er erhielt verschiedene Stipendien, bildete sich im Grafik- und Webdesign fort, und hat seit 2006 seinen Arbeitsplatz im Atelierhaus Sigmaringer Straße 1 in Berlin.
Er ist Mitglied im Bund Bildender Künstler Berlin und im Verein Berliner Künstler.
Seit 1999 zeigt der Künstler seine Werke im Rahmen von Einzel- und Gruppenausstellungen, im In- und Ausland. Darüber hinaus ist er in vielen Publikationen vertreten.
Bis 2007 bestimmte die informell-gestische Malerei die Arbeiten von Jürgen Kellig, dann folgten das Thema Streifen und monochrome Darstellungen.
Seit 2008 wird er in seinen Zeichnungen und Arbeiten auf Papier konkreter und es entstehen Werke, die sich inhaltlich mit Mikro-Makro – so auch der Titel von 3 hier gezeigten Arbeiten – oder anders ausgedrückt „wie im Kleinen so im Großen“ auseinandersetzen.
Es geht ihm dabei um das Wechselspiel von Chaos und Ordnung, um Struktur und Rhythmus – im Großen wie im Kleinen – um Ergründen und Hinterfragen. Für mich ist es seine Art der Sichtbarmachung eines Themas, das den Menschen seit jeher beschäftigt, und zu dem es in Goethes Faust I heißt: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“.
Der Künstler wählt für seine Darstellungen einfache Mittel – bei Zeichnungen auf Papier den Pinsel, die Feder, den Stift – und bei der Malerei auf Leinwand die Ölfarbe.
Er arbeitet intuitiv – mit Punkten, Linien oder anderen schlichten Formen – die er rhythmisch setzt, aneinanderreiht, mitunter überlagert.
Es kommt auch vor, dass Jürgen Kellig eine Arbeit übermalt, wie zum Beispiel bei Gewebe, wo die Schichten deutlich sichtbar sind, überdeckt von labyrinthisch anmutenden schlangenförmigen Linien und so der Eindruck von grober, haptisch anmutender, Struktur erzeugt wird.

Kommen wir nun zu den 3 weiblichen Mitgliedern von connex_berlin, und dem Alphabet folgend, zu Jutta Barth, die mit 9 Arbeiten – in sehr unterschiedlichen Formaten – hier vertreten ist, unter anderem mit 2 Serien in Form eines Triptychons.
Sie wurde 1949 in Stuttgart geboren, studierte Kunsterziehung und Deutsch in Esslingen, später noch Psychologie in Berlin, beides mit Abschluss. Parallel belegte sie regelmäßig Zeichen- und Kunstkurse.
Seit 1993 arbeitet sie als freie Künstlerin in Berlin und begann mit einer besonderen Technik, dem sogenannten pulppainting, auf Deutsch Zellstoffmalerei, zu experimentieren, angeleitet durch Carla Gänßler.
Seit 1998 ist Jutta Barth Mitglied im Bund Bildender Künstler Berlin, seit 2007 im Verein Berliner Künstler, und dort seit 2014 die 2. Vorsitzende.
Auch die Übernahme von Lehraufträgen an verschiedenen Institutionen zählt zu ihrem Aufgabenspektrum.
Die Künstlerin zeigt ihre Arbeiten seit 1986, als Einzelpräsentation oder als Beteiligung bei Gruppenausstellungen, und zwar im In- und Ausland, und hat verschiedentlich Kunstpreise für ihre besondere Technik erhalten.
Zurzeit liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit in dem langsamen und meditativen Prozess des Schöpfens von besonderem Papier, verbunden mit dem harmonischen Einfügen pflanzlicher oder tierischer Elemente, mitunter ergänzt durch Zeichnungen.
Immer geht es der Künstlerin um WAHRNEHMUNG und NATUR, wie zum Beispiel bei der Arbeit CUPURI. Der Begriff kommt aus der Kultur der Huicholes-Indianer und steht für Lebenskraft, für den materiellen und geistigen Energiefluss. Er bedeutet Verbindung, Austausch, Grundlage allen Lebens. Die verwendeten Farben stehen für Blutzirkulation – rot, Nahrung/Sonne – gelb und Chlorophyll – grün.
Zitat: „Das Material, seine Anmutung, ist der Ausgangspunkt für die Gestaltung. Zum einen das handgeschöpfte, pigmentierte Recyclingbütten, zum anderen das vorwiegend pflanzliche Material, das in die Papiermasse eingelassen oder mit Pulpe überschöpft wird.
Es sind fragmentierte Naturmaterialien, zum Beispiel Blattskelette, herausgehoben aus dem natürlichen Zusammenhang – ein Dialog von Erinnerung und Erscheinung.
Mit sparsamen Mitteln wird das Vergangene durch den kreativen Prozess revitalisiert, überzeichnet, und in eine neue Seinsform transformiert“. Zitat Ende.

Die nächste im Viererbund ist Siegrid Müller-Holtz, die hier 15 Arbeiten zeigt, und zwar Malerei, Collagen und Materialbilder.
Sie wurde 1948 in Stralsund geboren, zog mit 11 Jahren nach Krefeld, und studierte in Münster Kunst und Pädagogik.
Seit 1989 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig, stellt seitdem regelmäßig aus, an vielen Orten in Deutschland, im europäischen Ausland, aber auch in China, Brasilien, Indonesien und Süd-Korea.
Ihre Arbeiten befinden sich in mehreren öffentlichen und privaten Sammlungen.
Sie ist Mitglied in verschiedenen künstlerischen Verbänden, in Deutschland und Frankreich.
Seit 2007 befindet sich der Lebens- und Arbeitsmittelpunkt von Siegrid Müller-Holtz in Caputh bei Potsdam.
Die Künstlerin ist eine Finderin, Sammlerin, eine Umwandlerin und Botschafterin. Die Dinge finden zu ihr – vielleicht suchen sie sie auch – sie verwandelt sie und haucht ihnen neues Leben ein, verhilft ihnen zu neuer Wertigkeit. Eine Hommage an Vergangenes und Vergessenes.
Die wesentlichen Komponenten ihrer Arbeiten sind Vielseitigkeit und die Lust am Gestalten und Kombinieren von Bildern mit unterschiedlichen Materialien. Sie bestimmen und motivieren die Künstlerin und ihre Schaffenskraft. Das Ergebnis sind SEHSTÜCKE – informell, experimentell, abstrakt und poetisch – eine spannende und ungewöhnliche Mischung aus Fundstücken, wie Wellpappe, Stoffen, Landkarten, Sand – weltweit gefunden und gesammelt und in allen möglichen Beschaffenheitszuständen.
Durch die Bearbeitung entstehen neue, andere BILDWELTEN, mit einer neuen Bestimmung. In sie kann man hineinhorchen, dort verweilen, mit allen Sinnen Erfahrung sammeln, die Möglichkeiten sind individuell und unerschöpflich…
Beispielhaft für das philosophische Gedankengut von Siegrid Müller-Holtz, und ihre künstlerische Umsetzung, sind die Variationen über das Thema Faszination Schiefer – so auch der Titel der Dreierserie – ergänzt durch die 2 großen Arbeiten My home is my castle und Komposition, die dort an der Wand zu sehen sind.

Den Abschluss bildet Annette Polzer, die mit 13 Arbeiten vertreten ist, mit Malerei und Fotografien, 2 davon sind auf Fahnen aus Seide projiziert und hängen vor den Fenstern.
Sie wurde 1960 in Hagen geboren, hat schon von Kindesbeinen an gezeichnet und gemalt, und hatte immer schon ein besonderes Verhältnis zum Licht.
Neben zwei abgeschlossenen Berufsausbildungen nahm sie seit 1980 bis 1988 privat Unterricht in Sachen Kunst – unter anderem bei Jean Yves Klein, war Gasthörerin an der Universität der Künste in Berlin und besuchte ein Theaterseminar mit Heiner Müller. 2012 folgte die Beschäftigung mit dem japanischen Farbholzschnitt bei Eva Pietzker.
Seit 1985 ist Berlin ihr Lebens- und Arbeitsmittelpunkt und seit 1987 zeigt Annette Polzer ihre Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen, sowohl in Deutschland als auch in Österreich und Frankreich.
Die Themen der Künstlerin sind das Licht, die Wahrnehmung, die Veränderung, das Flüchtige, die Auflösung des Gesehenen und somit die Aufhebung der Grenzen. Mich erinnert es an ein Zitat von Schopenhauer, das da lautet: „Der Wechsel allein ist das Beständige“.
Dieses Spiel von Dasein oder Nichtdasein, von Realität und Illusion, wird insbesondere bei den 3 Acrylarbeiten auf Leinwand und Nessel, mit den Titeln Meridiane II, Alles in Allem und Zwei begegnen sich – dort hinten an der Wand – sichtbar, beziehungsweise nicht sichtbar. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall verändern sich die Bildinhalte, bleibt die Oberfläche einheitlich silbern-monochrom oder lassen sich Formen, die an Kristalle oder Raumstrukturen erinnern, erkennen.
Auch bei Annette Polzer ist wieder die Reduktion auf das formal und farblich Wesentliche – oft in Verbindung mit der Serie – das vorherrschende Prinzip bei der Gestaltung und Umsetzung, mit wechselnder Arbeitstechnik, jeweils der Serie entsprechend.
Wesentlichen Einfluss auf Ihr künstlerisches Schaffen hat auch eine Abhandlung des griechischen Philosophen Platon, und zwar sein „Höhlengleichnis“. Hierbei geht es im Wesentlichen um den Sinn und die Notwendigkeit des philosophischen Bildungsweges, dargestellt als Befreiungsprozess.
Bei den Fotografien von Annette Polzer steht die Abstraktion von realen Lichtsituationen im Fokus und bestimmt die Darstellung, wobei wiederum der malerische Ansatz und seine Ausdrucksweise entscheidend sind.
Dieser malerische Aspekt beeindruckt insbesondere bei den 4 Arbeiten, die den Titel Parade der Lichtgestalten tragen und dort hinten rechts an der Wand hängen. Bei ihrer Betrachtung drängt sich die Frage auf: Gemalt oder fotografiert?
Abschließend noch ihr Credo als Fotografin: Es wird nur das gezeigt, was fotografiert wurde, ohne anschließende Bearbeitung, auch bei Ausschnitten.

Meine Damen und Herren, soviel von meiner Seite. Ich denke, das Berliner Quartett steht gern bei Fragen oder für ein Gespräch zur Verfügung.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und schließe mit einem Zitat von Martin Heidegger: „Kunst ist das Wesen allen Wollens, das Perspektiven öffnet und sie besetzt“.
Viktoria Krüger, November 2016

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